Getrunkene Weine:
2015 Riesling Am schwarzen Herrgott GG, Battenfeld Spanier (Rheinhessen, Deutschland):
Rauchig, petrolig, düster – wie ein Auftritt im Gothic-Kleid. Wäre da nicht dieser feine Pfirsich, der sämtliche Schwermut mühelos um den Finger wickelt. Am Gaumen kräftig und monolithisch, mit einer Säure, die sich anfühlt wie das erste Piercing: erst Schmerz, dann Stolz.
1993 Château Lagrange Pomerol:
Herrliche Nase von Tabak, Leder und Rauchfleisch. Am Gaumen – wenn man die paar grünen Nötchen grosszügig ausblendet – definitiv ein Runterschluckmuss. Wer hätte das gedacht.
2021 Château des Pèlerins:
Zuerst ein Duft irgendwo zwischen Stall und menschlicher Anstrengung. Danach ist man fast dankbar, wenn grüne Peperoni die Vorherrschaft übernehmen. Spannend war’s – im weitesten Sinne.
2020 Château Maillet:
Modernes 15 %-Alkohol-Geschoss, Eleganz und Anmut offenbar zu Hause vergessen. Dafür Kokos, Blackcurrant und Tomatenmark in voller Lautstärke – klotzt statt kleckert und wirkt dabei, als würde es einem zuflüstern: ‚Ich bin ein Pomerol. Bitte mit Sie ansprechen.‘
2020 Enclos Tourmaline:
100 % Merlot auf eine winzige Hektare verteilt. Mit viel Geld wird hier versucht, Pétrus und Le Pin zu konkurrenzieren. Ultraüppig und geschliffen, aber alles andere als langweilig mit seinen Cassis-, Pflaumen-, Blumen-, Schokolade-, Tabak- und Zedernholzsalven. Etwas Zimt oben drauf, mit einem Abgang, der viel Druck entwickelt und ohne auch nur das kleinste Eckchen runterläuft – wie ein perfekt geöltes Luxusgerät, das keine Reibung mehr kennt.
1996 Château La Pointe:
Prächtig gereift, zeigt sich in klassisch gereiftem Pomerol-Stil: Trüffel, Würze, reife dunkle Früchte und eine ruhige, fast aristokratische Tiefe, die sich nicht erklären muss.
2015 Château La Pointe:
Waldbeeren, Zedernholz, leicht laktische Noten, opulent angerichtet, aber mit recht strenger Würze am Gaumen. Bleibt die Frage nach der Altersfähigkeit: wird er noch geschmeidiger – oder droht der Absturz?
2012 Latour à Pomerol:
Trüffel, Erde, Tabak, dunkle Beeren und Schokolade – Pomerol in seinem natürlichen Lebensraum. Saftig, mit hervorragender Konzentration, hält er seine 14,5 % Alkohol bis weit über den langen Abgang hinaus gekonnt unter Verschluss.
2009 Château La Croix Pomerol:
Reife dunkle Beerenfrucht, spanische Nüssli, Würze, Kaffee, dazu eine zarte Süsse – und so rund wie der Vollmond. Gleitet über den Gaumen, als hätte Reibung Hausverbot. Der Wein ist angekommen – jetzt ist der Geniesser dran.
2009 Château La Croix de Gay:
Süsse Textur, plüschig wie ein Edelsofa, blumig wie das Parfum einer Escort-Dame, mit Zitruszesten garniert und von Zedernholz untermauert. Irgendwie exotisch, endet er wie er beginnt: leicht süsslich und mit einem Hauch Schokolade.
2010 Château Petit-Village:
Saftige dunkle Waldbeeren, Pflaumen, Tabak, Rauchspeck und Lakritz. Am Gaumen dicht, vollmundig und finessenreich, mit langem, kräftigem Finale. Da steckt noch einiges an Zukunft drin.
2007 Château Clinet:
Leichter Muffton, Erde, Trüffel – auch nach Stunden in der Karaffe bleibt er eine zwielichtige Gestalt. Dahinter Blutorange und Kirschen. Am Gaumen saftig und ganz Pomerol. Wer noch Flaschen hat, sollte sie eher öffnen als bewundern.
1997 Vieux Château Certan:
Waldboden, Kiefernadeln, ein Hauch Blutorange, Tabak. Von Frucht ist ehrlich geschnüffelt nicht mehr viel vorhanden – macht nichts. Das ist Old School Bordeaux, kann nichts anderes sein. Die Frucht ist zwar längst in Rente, der Wein noch lange nicht.
1995 Château Conseillante:
Kaffee und Tabak, Walderde mit Pilzen, Umami, plötzlich leicht animalisch. Am Gaumen verführerisch, lakritzig und erstaunlich lebhaft, mit langem, leicht süsslichem Finale. Kein lauter Wein mehr – eher einer, der im Halbdunkel besser funktioniert als im Scheinwerferlicht.


